Alpenländische Geigengeschichten

Kostproben aus Überlieferungen zum Geigenspiel im Alpenraum,
gesammelt, übersetzt und/oder nacherzählt für die «Geigenkapelle» von Peter Stücheli-Herlach (wird laufend erweitert).
Auf der Alp Lasa
© Ortsgemeinde Bad Ragaz

Ein Geist geigt ob Bad Ragaz für die Sennen

Auf dem «Stofel» bei der Alp Lasa oberhalb von Bad Ragaz in der Schweiz soll jeweils nachts ein geigender Geist gespielt haben. Ein Knecht aus Mastrils war einmal auf ihn zugegangen und hatte ihn um einen Tanz für die Sennen gebeten. Der geigende Geist kam dieser Bitte nach. Und er tat es auf solch gekonnte Weise, dass die Sennen ob des Tanzfestes ihr Gebet und das Singen des Alpsegens versäumten. Es wird erzählt, dass der Knecht, der den Geiger ursprünglich geladen hatte, seit diesem Ereignis zur Strafe mit Lähmungen leben musste.

Nacherzählung P. Stücheli-Herlach, nach Quellen von J. Kuoni, 1903; www.sagen.at
"Les deux Albert", zeitg. Fotografie mit Albert Gos
© Famille Gos

Ein Dorfgeiger aus dem Wallis findet zu einem Meister

Albert Gos* (1852-1942), der gleichzeitig Bergmaler und Geiger war, berichtet, wie er einst im Herbst von den Bergen nach Vernayaz im Unterwallis (Schweiz) hinabstieg. Da kam ihm eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern entgegen. Sie kehrten von der Weinlese im Tal zurück, beladen mit gefüllten Körben, Holzeimern, Kesseln und Hutten. 

Der Anführer dieser Gruppe, kräftig und in den Mittvierzigern, bat darum, auf der Geige des Bergmalers spielen zu dürfen. Die Geige in der Hand, zeigte er sich stolz wie Paganini, und begann ganz wild auf schreckliche Art eine Melodie zu kratzen, die weder erkennbar noch einzuordnen war. Lachend erklärte eine zur Gruppe gehörende Weinleserin, ihr Anführer sei zu Hause ein Dorfgeiger (franz. «violoneux»). Und als solcher habe er noch nichts und niemanden je auf der Geige zu hören bekommen, ausser sich selbst.

Endlich wurde die Geige dem Besitzer zurückgereicht, und dieser imgleichen zum Spiel herausgefordert. Er nahm Instrument und Herausforderung an. Er stimmte die Geige und setzte zu einer hübschen Polka eines anderen berühmten Dorfgeigers an, dann zu einem ländlichen Walzer. Mehrmals aber unterbrach ihn der Anführer, der zunehmend ungeduldig wurde: Er wolle was hören, was er noch nicht kenne! Seinem Wunsch versuchte er Nachachtung zu verschaffen, indem er ein Geldstück hervorkramte und es dem Besitzer der Geige aufdrängte. Da nahm der geigende Bergmaler die Herausforderung an, und ergab sich der Improvisation zu einem «Schottischen» hin, dies auf eine lebhafte, quirlige und ungestüme Weise. Da war nicht nur eine Geige zu hören, sondern bald deren zwei ... dann eine Gitarre, sogar eine Trommel und bald deren zwei, zudem auch ein Spiel von Handorgeln ... Der Geiger liess sich mitreissen zu teuflischer Leidenschaft, hielt mal die Töne zurück, um sie dann wieder singen zu lassen in wilder und rhythmischer Variation. In einem reinen Akkord fand der improvisierte Tanz schliesslich zu einem Ende.

Unterdessen war der kräftige Anführer mit verschränkten Armen auf einer Mauer gesessen und wusste nicht, wie ihm geschah: Er starrte auf die Finger des Geigers, welche mit den Saiten gleichsam strickten und auf ihnen herumtollten – und dann wie in Ekstase zum Himmel und zu seiner Gruppe, dies alles in fassungsloser Verblüffung über die Spieltechnik des geigenden Bergmalers. Am Ende war es einen Moment lang ruhig. Schliesslich erhob sich der Anführer würdevoll, wie ein Redner oder Prophet, der Grosses zu verkünden hatte. Und er sagte zu seiner ebenfalls verblüfften und staunenden Gruppe: «Ihr alle, jetzt haben wir einen Meister gefunden, der mehr kann als wir! Und nun weiter auf unserem Weg!» Seine Gruppe brach auf, und der Bergmaler setzte den begonnenen Abstieg mit Rucksack und Geige fort.

Frei nacherzählende Übersetzung von P. Stücheli-Herlach, nach Albert Gos (1942): Un qui a trouvé son maître. In: Ders., Souvenirs d’un peintre de montagne. Genève: Edition Jeheber (S. 118-120).

*Albert Gos (1852-1942) war ein am Konservatorium ausgebildeter Violinist, ein Komponist, Landschafts- und Bergmaler und Autor.
Geigender Bettler im Flussbett, Symbolbild
ChatGPT (prompting P. Stücheli-Herlach), 2025

«Geigenspanner» an der Aare – einmal böse, einmal rechtschaffen

Bei Döttingen auf der Risi, an einem Abhang zur Aare, auf prekärem Weg zwischen Steintrümmern und Wald, da soll es immer wieder geschehen sein. An schmaler Stelle soll ein berüchtigter «Gigelispanner» («Geigenspanner») jeweils den nach Zurzach reisenden Kaufleuten aufgelauert haben. Er gab sich zunächst als Bettelgeiger aus und strich ein «Schlemperlied» auf seinen vier Saiten. Sobald sich aber die Reisenden erbarmten, erstach sie der geigende Bösewicht und raubte sie aus.
Eines Abends, als er wieder auf fiedelnder Pirsch war, hörte er einen Zuruf «Komm!» – und antwortete sogleich mit «Ja!». Selbiges wiederholte sich zweimal, und am nächsten Abend dann noch einmal. Da wusste der Geiger, dass der Teufel ihn gerufen hatte. Fiedelnd stieg er auf die Risi und sprang von dort hinab in den reissenden Fluss. Die Wegstelle ist noch immer berüchtigt. Man erzählt, es sei dort gelegentlich immer noch ein wehmütiger bis tieftrauernder Geigengesang zu hören, zuweilen ein «frecher Abstrich» und dann ein Sausen durch Weg und Wald. Pferde scheuen an der Stelle, und die Behörden müssen immer wieder für Sicherungen des Weges sorgen.
Ein anderer «Gigelispanner» hingegen soll rechtschaffen gewesen sein und auf den Kiesbänken und Waldufern der Aare bei Klingnau gewohnt und gewirkt haben. Allerdings ertränkte er sich selber im Fluss und wurde vorschriftsgemäss auf den Inseln verscharrt. Seither spukt er dort herum, und das arbeitende Volk beschwört ihn in kritischen Situationen, dies leider nicht immer zu ihrem Glück.

Nacherzählung von P. Stücheli-Herlach, nach Ernst Ludwig Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, 1856, S. 116-117
Lac de la Maix (hinten rechts) mit Wallfahrtskapelle
Undatierte Postkarte © Wikipedia

Ein Teufelsgeiger in den Vogesen und die Geburt eines Sees

Mitten in den hügeligen Wäldern der Vogesen liegt der See «de la Maix», umgeben von prächtigen Bäumen, und daneben eine Wallfahrtsstätte. Der See soll auf besondere Weise entstanden sein. Eine Pilgerschar hatte sich wie jedes Jahr zu Fronleichnam nach der Messe zu einem Fest mit Musik und Tanz versammelt. In das festliche Klirren und Lachen mischten sich plötzlich virtuose Geigenklänge. Sie wurden erzeugt von einem Vagabunden mit seinem Instrument. Er hatte ärmliche Kleidung, aber eine noble Ausstrahlung. Mit immer schöneren Melodien verführte er die Festgemeinde so sehr zum Tanzen, dass es diese abends versäumte, wieder den Gebetsglocken in die Kapelle zu folgen. Plötzlich verstummte die Musik, der Geiger zerschlug sein Instrument am Fels, ein Loch in der Erde öffnete sich und verschlang die tanzende Pilgerschar. Im feurigen Lachen des Geigers und letzten Quietschen des Instruments soll der fromme Einsiedler den Teufel selbst erkannt haben. Und das Erdloch füllte sich mit dem Wasser und wurde dadurch zum heutigen See.

Nacherzählung P. Stücheli-Herlach, nach verschiedenen Quellen, bspw. www.mythische-orte.eu/lac-de-la-maix
Heimstätte des "Lindengeigers" in Endingen
© Pascal Meier

Künste, Reichtum und Nachleben des «Lindengeigers» von Endingen

Beim Ruckfeld in Endingen, zwischen Brugg und Zurzach im schweizerischen Aargau, steht eine alte, prächtige Linde. Sie wurde lange Zeit als Tanz-Linde von den Menschen genutzt und geehrt. Auf ihr und in ihr soll der Geist eines Geigers jeweils so bezaubernd gespielt haben, dass es ein Bauer dank ihm zu Ruhm und Ehre als Tänzer gebracht haben soll. Der Geist stammte von einem Wirt, der das Spiel mit Bogen auf vier Saiten einst von einem alten Tanzgeiger im Siggenthal gelernt hatte – dies zu einer Zeit, als er noch mit Nägeln handelte und für die Geigenstunden sogar Holz stehlen musste. Seine Künste waren für Hochzeiten in der Gegend und bei Kaufleuten auf der Reise nach Zurzach sehr beliebt. Diese Nachfragen, sowie zudem eine Erbschaft seiner Frau, und schliesslich ein öffentliches Amt erlaubten ihm dann, ein Wirtshaus zu erwerben. Dort begann er indes alsbald, seine Gäste mit verwässertem Wein zu betrügen. Und andere verfolgte und plagte er im Dorfe kraft seines Amtes. Eines Tages verschwand er im Weinkeller des Wirtshauses und trieb sein Unwesen fortan als Geist. Mehrmals versuchte man, ihn von dort wegzubringen, dies mit grosser Mühe und unter herben Rückschlägen. Schliesslich fand er eine Bleibe im Spalt der besagten Linde. Und er geigte dort auf beschriebene Weise – umso schöner und umso schärfer, wie es heisst, je schlechter das Wetter sich aufführte. Und er leitete Reisende dann stets in das Wirtshaus zu seinen Nachfahren, die darob sehr reich geworden sein sollen.

Nacherzählung von P. Stücheli-Herlach, nach den Quellen E. R. Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau, 1856, Nr. 39, und Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch
Bearbeiteter Ausschnitt aus
G. E. Rittmeyer, Stubete auf Alp Sol, 1865
© Kunstmuseum St. Gallen

Das Geigenspiel an der «Alpstubete» – und ein Votum fürs Festen

Der Bildungsreformer und Alpenforscher Johann Rudolf Steinmüller schreibt im Jahr 1804 über das Appenzell und angrenzende St. Galler Regionen folgendes. Jeweils zu Beginn eines Sommers seien in den Bergen so genannte «Alpstubeten» üblich gewesen, dies ganz besonders in Innerrhoden. Besondere Beispiele gäbe es etwa auf der Poters-, der Eben-, der Säntis- und der Meglisalp. Nach jeweils einer Messe in einer Kapelle wie dem «Wildkirchli» gehen dabei junge Erwachsene gerne zu zweit zu den Sennhütten, und zwar «Hand in Hand, unter lautem Jubelgeschrey und unter Johlen, Zauren und Löcklen», das heisst begleitet durch Juchzer, Lockgesänge und Naturjodel. Daselbst bedienen die Sennen ihre Geliebten mit den Speisen, welche die Alp so hergibt; das begleitende Scherzen und Necken hat das Mahl aber immer besonders schmackhaft gemacht. Den weiteren Verlauf nehmen die Feste dann unter freiem Himmel. Teils mit Tänzen – wobei jemand mit der Geige aufspielt und von einem Hackbrett begleitet wird – teils mit Bewegungs- und Gesellschaftsspielen. Gegen den Abend begleiten die jungen Sennen ihre Geliebten über Stock und Stein wieder ins Tal hinab. Nicht selten haben sie dabei die Erlaubnis erhalten, die jungen Damen bis ins Elternhause zu begleiten.

Einmal aber soll just zum Zeitpunkt einer solchen «Alpstubete» ein schlimmes Hagelgewitter niedergegangen sein, welches das Gras auf den Weiden bös zerschmetterte. Der Besitzer der betroffenen Alp verstand dies als Strafe Gottes, und er verbot solche Anlässe fortan auf seinem Grund. Alsbald taten es ihm die Behörden gleich. In Ausserrhoden verstanden sie die «Alpstubeten» als heidnisches Erbe und verboten diese gänzlich ab dem Jahr 1726. Steinmüller wehrt sich in seinem Bericht für diese «Alpstubeten» und kritisiert generelle Verbote, die allein wegen möglicher Missbräuche ausgesprochen werden. Denn im Verborgenen gefeiert, stellten solche Feste eine noch viel grössere Gefahr dar. Stattdessen, so fordert er, solle man diesen Anlässen «die gehörige Richtung und Veredlung zu geben suchen». Denn sie könnten dem «nur allzu sehr herabgesunkenen Volksgeist einen neuen, edlen Schwung» verleihen und ein «frohes Gefühl der Freiheit und Menschenwürde» wieder lebendig werden lassen.

Von P. Stücheli-Herlach für die «Geigenkapelle» historisierend nacherzählt, nach: Johann Rudolf Steinmüller, 1804, Beschreibung der schweizerischen Alpen- und Landwirtschaft nach den verschiedenen Abweichungen einzelner Kantone, Band 2 (Alpen- und Landwirtschaft des Kantons Appenzell und der St. Galler Bezirke Rheintal, Sax und Werdenberg), S. 192-193, nach dem Dokument des Münchener Digitalisierungszentrums (urn:nbn:de:bvb:12-bsb10299167-0).

Ausführliche Darstellung und Quellen zu "Alpstubeten" im Schweizer Appenzellerland in: Zentrum für Appenzellische Volksmusik, Hrsg., Alpstobete im Alpstein, 2009
Berggipfel bei Kaprun
© Zell am See / Kaprun

Geigender Riese bei Kaprun

An der felsigen «Osreitwand» bei Kaprun in Österreich soll ein geigender Riese jeweils von Fels zu Fels gesprungen sein. Und er soll und so schöne und auch lustige Stücke gespielt haben, dass jene, die vorbeiwanderten, ihr Ziel ganz vergassen und zu Tanzen begannen.

Nacherzählung P. Stücheli-Herlach, nach Quellen von R. von Freisauff, 1880; Petzold, 1993; sagen.at
Schreiben des Geigers G. B. Viotti, 1792
© Bibliothèque Nationale de France (IFN-10886954)

Schweizer Kuhreihen – und wie ein Geigenpionier ihn hörte, notierte und spielte

Schreiben von Viotti* zum Kuhreihen

Der folgende Kuhreihen ist weder der, den unser Freund Jean-Jacques (Rousseau) uns in seinen Werken vorgestellt hat, noch der, von dem Herr (Jean-Benjamin) de la Borde in seinem Buch über Musik spricht.
Ich weiß nicht, ob er vielen Menschen bekannt ist: Ich weiß nur, dass ich ihn in der Schweiz gehört habe, und dass ich ihn gelernt habe, um ihn nie wieder zu vergessen.
Ich spazierte gegen den Abend allein durch jene dunklen Gegenden, wo man nie Lust aufs Reden hat. Das Wetter war schön, der Wind, den ich so sehr hasse, hatte sich beruhigt; alles war ruhig und passte zu meiner Stimmung, und ich trug diese Melancholie in mir, die jeden Tag zur gleichen Zeit meine Seele erfüllt, dies schon mein ganzes Leben lang.
Mein Denken war meinen Gedanken gegenüber gleichgültig; es wanderte vorwärts, und meine Schritte folgten ihm. Nichts, was in meinem Herzen gerade Vorrang genossen hätte; dieses war einfach nur vorbereitet auf das Zärtliche und auf die Liebe, die mir in der Folge so viel Schmerz bereiten und mich das Glück spüren lassen sollte. Meine Fantasie, sozusagen erstarrt durch die Abwesenheit aller Leidenschaft, blieb regungslos.
Über die mächtigen Felsen ging ich, kam ich, da stieg ich hinauf und stieg hinab. Der Zufall führte mich in ein kleines Tal, dem ich zunächst keine Beachtung schenkte. Erst etwas später bemerkte ich, dass es entzückend war – gerade so, wie ich es oft in den Bildern von (Salomon) Gessner gesehen hatte: Blumen, Wiesen, Bäche, alles war da und präsentierte sich als Bild von perfekter Harmonie.
Dort setzte ich mich, ohne müde zu sein, wie von selbst auf einen Stein und gab mich einer dieser tiefen Träumereien hin, die ich in meinem Leben schon des Öfteren erfahren habe; einer Träumerei, in der meine Gedanken abschweifen, sich vermischen und dann auch so ineinander verschmelzen, dass ich vergesse, dass ich mich auf der Erde befinde.
Ich werde kaum sagen können, was diese Art von Ekstase in mir hervorruft, ob es ein Schlafen der Seele ist oder das Aussetzen von Denkfähigkeit; ich werde nur sagen können, dass ich sie liebe, dass ich mich von ihr leiten lasse und dass ich sie nicht missen möchte.
Ich saß also dort auf diesem Stein, als plötzlich mein Ohr – oder besser gesagt: mein ganzes Dasein – von Tönen ergriffen wurden, die einander mal vorauseilten, sich mal in die Länge zogen und dann wieder ausgehalten wurden; sie klangen vom einem Berg her und entschwanden zum anderen, ganz ohne durch ein Echo zurück zu hallen. Es war ein langes Horn; eine Frauenstimme vermischte sich mit dessen traurigen, zarten und gefühlvollen Tönen und formte einen abgerundeten Gleichklang; wie von einem Zaubergesang ergriffen, erwache ich plötzlich aus meiner Lethargie, vergiesse einige Tränen und merke mir – oder besser: präge mir –  den Kuhreihen ein, den ich Ihnen anbei übermittle.
Ich sah mich gezwungen, ihn ohne Tempo- und Taktangaben zu notieren. Es gibt Fälle, in denen die Melodie frei und ungehindert sein will, nur ganz sich selber: noch die spärlichste Taktangabe würde ihre Wirkung stören; das ist so entscheidend, denn man könnte die Zeitspanne gar nicht bestimmen, in der diese Töne vom einen zum anderen Fels gelangen. Es sind deshalb mehr Gefühl und Gedanke als Rhythmus und Tempomass, die uns zur richtigen Ausführung anleiten. Dieser Kuhreihen, in einen Taktschlag gezwängt, würde seinem Wesen entfremdet: Seine Einfachheit ginge verloren. Also, um ihm seinen wahrhaftigen Sinn zu verleihen, wie ich ihn gehört habe, ist es nötig, dass die Vorstellung Sie dorthin versetzt, wo er entstanden ist, um ihn mitsamt seiner Schweizer Herkunft erlebbar zu machen.
So jedenfalls habe ich ihn in wunderbaren Momenten gespielt, begleitet von Madame de Mongeroult. Der beste unserer Freunde (Monsieur Eymar, an den sich dieses Schreiben richtet), hat dabei zugehört.
26. Juni, 1792. Viotti

Übersetzung aus dem Faksimile der Originalhandschrift in der Bibliothèque National de France, von P. Stücheli-Herlach, 2025
* Giovanni Battista Viotti (1755-1824) war ein in Italien, Frankreich und England wirkender Violinist und Komponist und gilt als Begründer der "französischen Geigenschule".
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