Schreiben von Viotti* zum Kuhreihen
Der folgende Kuhreihen ist weder der, den unser Freund Jean-Jacques (Rousseau) uns in seinen Werken vorgestellt hat, noch der, von dem Herr (Jean-Benjamin) de la Borde in seinem Buch über Musik spricht.
Ich weiß nicht, ob er vielen Menschen bekannt ist: Ich weiß nur, dass ich ihn in der Schweiz gehört habe, und dass ich ihn gelernt habe, um ihn nie wieder zu vergessen.
Ich spazierte gegen den Abend allein durch jene dunklen Gegenden, wo man nie Lust aufs Reden hat. Das Wetter war schön, der Wind, den ich so sehr hasse, hatte sich beruhigt; alles war ruhig und passte zu meiner Stimmung, und ich trug diese Melancholie in mir, die jeden Tag zur gleichen Zeit meine Seele erfüllt, dies schon mein ganzes Leben lang.
Mein Denken war meinen Gedanken gegenüber gleichgültig; es wanderte vorwärts, und meine Schritte folgten ihm. Nichts, was in meinem Herzen gerade Vorrang genossen hätte; dieses war einfach nur vorbereitet auf das Zärtliche und auf die Liebe, die mir in der Folge so viel Schmerz bereiten und mich das Glück spüren lassen sollte. Meine Fantasie, sozusagen erstarrt durch die Abwesenheit aller Leidenschaft, blieb regungslos.
Über die mächtigen Felsen ging ich, kam ich, da stieg ich hinauf und stieg hinab. Der Zufall führte mich in ein kleines Tal, dem ich zunächst keine Beachtung schenkte. Erst etwas später bemerkte ich, dass es entzückend war – gerade so, wie ich es oft in den Bildern von (Salomon) Gessner gesehen hatte: Blumen, Wiesen, Bäche, alles war da und präsentierte sich als Bild von perfekter Harmonie.
Dort setzte ich mich, ohne müde zu sein, wie von selbst auf einen Stein und gab mich einer dieser tiefen Träumereien hin, die ich in meinem Leben schon des Öfteren erfahren habe; einer Träumerei, in der meine Gedanken abschweifen, sich vermischen und dann auch so ineinander verschmelzen, dass ich vergesse, dass ich mich auf der Erde befinde.
Ich werde kaum sagen können, was diese Art von Ekstase in mir hervorruft, ob es ein Schlafen der Seele ist oder das Aussetzen von Denkfähigkeit; ich werde nur sagen können, dass ich sie liebe, dass ich mich von ihr leiten lasse und dass ich sie nicht missen möchte.
Ich saß also dort auf diesem Stein, als plötzlich mein Ohr – oder besser gesagt: mein ganzes Dasein – von Tönen ergriffen wurden, die einander mal vorauseilten, sich mal in die Länge zogen und dann wieder ausgehalten wurden; sie klangen vom einem Berg her und entschwanden zum anderen, ganz ohne durch ein Echo zurück zu hallen. Es war ein langes Horn; eine Frauenstimme vermischte sich mit dessen traurigen, zarten und gefühlvollen Tönen und formte einen abgerundeten Gleichklang; wie von einem Zaubergesang ergriffen, erwache ich plötzlich aus meiner Lethargie, vergiesse einige Tränen und merke mir – oder besser: präge mir – den Kuhreihen ein, den ich Ihnen anbei übermittle.
Ich sah mich gezwungen, ihn ohne Tempo- und Taktangaben zu notieren. Es gibt Fälle, in denen die Melodie frei und ungehindert sein will, nur ganz sich selber: noch die spärlichste Taktangabe würde ihre Wirkung stören; das ist so entscheidend, denn man könnte die Zeitspanne gar nicht bestimmen, in der diese Töne vom einen zum anderen Fels gelangen. Es sind deshalb mehr Gefühl und Gedanke als Rhythmus und Tempomass, die uns zur richtigen Ausführung anleiten. Dieser Kuhreihen, in einen Taktschlag gezwängt, würde seinem Wesen entfremdet: Seine Einfachheit ginge verloren. Also, um ihm seinen wahrhaftigen Sinn zu verleihen, wie ich ihn gehört habe, ist es nötig, dass die Vorstellung Sie dorthin versetzt, wo er entstanden ist, um ihn mitsamt seiner Schweizer Herkunft erlebbar zu machen.
So jedenfalls habe ich ihn in wunderbaren Momenten gespielt, begleitet von Madame de Mongeroult. Der beste unserer Freunde (Monsieur Eymar, an den sich dieses Schreiben richtet), hat dabei zugehört.
26. Juni, 1792. Viotti
Übersetzung aus dem Faksimile der Originalhandschrift in der Bibliothèque National de France, von P. Stücheli-Herlach, 2025
* Giovanni Battista Viotti (1755-1824) war ein in Italien, Frankreich und England wirkender Violinist und Komponist und gilt als Begründer der "französischen Geigenschule".